Mittwoch, 18. Mai 2016

Meine Lehrmeister, die Pferde – und Reitlehrer



Ich glaube, dass ich ein relativ belesener Mensch bin. Zumindest was die Reitlektüre betrifft. Ich habe ziemlich viele Bücher daheim, die meisten gelesen, andere „nur“ als Nachschlagewerke. Doch hin und wieder frage ich mich, was das ganze Wissen in der Praxis denn tatsächlich bringt. Nämlich immer dann, wenn ich auf dem Pferd sitze, und es mal wieder nicht klappen mag. 

Dann sitze ich da also und rekapituliere mein gespeichertes Wissen, das ich im Lauf der Zeit in meinem Hirn gehortet habe – eine Schublade für fehlende Biegung, eine für faule Pferde, eine für mangelhafte Anlehnung und was es nicht alles gibt. Aber leider kommt es auch immer wieder vor, dass mir in einer ganz entscheidenden Schublade etwas fehlt: Nämlich in der „Angewandtes Wissen in der Praxis“-Schublade. Als gemeiner Freizeitreiter habe ich nur ein Pferd, mal mehr mal weniger habe ich dann noch das Glück, ein weiteres mitreiten zu dürfen. Dennoch ist es äußerst schwierig, mit so begrenzten „Mitteln“ einen vernünftigen Erfahrungsschatz aufzubauen.

Das merkt man vor allem dann, wenn man auf einem Pferd sitzt, dem man grundsätzlich noch etwas beibringen kann. Oder könnte. Aber wo fängt man an? Und wo hört man auf?

Dino kennt ihr ja bereits. Dino hat´s nicht so mit dem Galopp. Jetzt gibt es verschiedene Lösungsansätze für so ein Problem – man kann im Gelände fleißig im leichten Sitz trainieren, man kann in der Bahn viele Übergänge reiten, man kann auch in der Bahn in den leichten Sitz gehen und erstmal vorwärts ganze Bahn reiten… aber was ist nun der beste Weg für dieses Pferd? Und vor allen Dingen: Wie schnell steigert man die Anforderungen? Und wie fördert man im richtigen Maße? 

Gerade die letzten beiden Punkte bergen eine echte Herausforderung an den Reiter. Mein Reitlehrer sagt zu mir immer, ich soll mich nicht mit halben Sachen zufrieden geben. Und in der Reitstunde kenne ich auch genau meinen Punkt, wo ich aufgehört hätte, und ich bin jedes Mal erstaunt darüber, was da noch geht. Trotzdem traue ich mich nicht weiter, wenn ich alleine arbeite – was ist, wenn die Erfolgskurve plötzlich ihren Zenit erreicht hat und es nur noch abwärts geht? Dann gehe weder ich noch mein Pferd mit einem guten Gefühl aus der Bahn. Unschön. 

Doch nicht nur die Dauer der Reiteinheit oder das erreichte Ziel sind schwer einzuschätzen, sondern auch die steigenden Anforderungen. In einer meiner letzten Reitstunden musste ich Dino auf der Geraden im Schritt im Schultervor angaloppieren. SEHR schwer hat er sich damit getan, aber das Ergebnis am Schluss konnte sich wirklich sehen lassen. Allein gearbeitet, hätte ich ihn nur in der Biegung angaloppieren lassen, vielleicht noch auf der Geraden auf einem Hufschlag. Auf gar keinen Fall mehr. Das arme Pferd! Nicht, dass es sich überfordert! Aber hätte ich dann so ein gutes Ergebnis gehabt? Sicher nicht. Und wann wäre ich dahin gekommen? Wochen später wahrscheinlich.

Soll man nun also auf die Theorie pfeifen und nur noch Unterricht nehmen?

Müsste man sich für eins entscheiden, wäre das sicherlich der bessere Weg. Und ich glaube, dass es viel wichtiger ist, ein Grundverständnis zu erlangen, WARUM etwas gemacht wird als WIE etwas gemacht wird – letzteres kann man sicherlich zur Genüge nachlesen. Aber solange man nicht die Hintergründe und Zusammenhänge versteht, kann man zehnmal die Ausbildungsskala zitieren oder die Parade erklären, und ist deshalb noch lange kein besserer Reiter. Hier tut es gut, auch mal andere Bücher als Reitwerke aufzuschlagen, beispielsweise über die Biomechanik oder über das Interieur des Pferdes, wie es lernt, wie es denkt und wie es fühlt. Oder man hat einen versierten Reitlehrer zur Hand, der es versteht, den Reiter über den Tellerrand hinaus blicken zu lassen. Den braucht man nämlich spätestens dann, wenn man mal wieder auf dem Pferd sitzt und nichts klappen mag!

Mittwoch, 27. April 2016

Vom guten und vom schlechten Reiten

Was man in manchen Reitställen sieht, kann einem wirklich Angst machen. Oder anders: Was man in allen Reitställen manchmal sieht. Leider ist nämlich irgendwie kein Reitstall wirklich ausgenommen. Weder Turnierstall noch Freizeitstall. Weder Westernstall, noch Dressurstall. Oder Springstall. Überall gibt es schwarze Schafe, tiefschwarze. Und dabei ist es egal, ob sie aus reiner Unwissenheit heraus dem Pferd Schaden zufügen, oder weil das Profi-Schaf meint, mit möglichst schnellen „Erfolgen“ das meiste Geld oder Ansehen einzuheimsen. Auf Kosten des Pferdes.

Aber wen interessiert schon das Pferd, wenn man Applaus bekommt?

Und auch in der „Profi-Liga“* gibt es zwei unterschiedliche Schaftypen: Der Typus, der die Pferde auf ein immer höheres Niveau hin „ausbilden“ will, und der, der vermeintliche Problempferde korrigieren möchte. Bei ersterem ist es dem „Gefallen-Wollen“ des Pferdes geschuldet, dass es sogar meistens ganz gut klappt, und die Pferde ungebogen und unhankengebeugt ihre Traversalen traben, während bei letzterem sich fast buchstäblich die Fußnägel aufrollen. Da werden augenrollende und zähnebleckende Pferde zusammengezogen und blutig geritten, weil „der Bock ja sonst viel zu gefährlich ist“ oder weil „der das ja sonst nie kapiert“.

Vor kurzem erst habe ich beobachten müssen, wie einer schwierigen (?) Remonte so zugesetzt wurde, dass sie sich wild steigend überschlug. Selbstredend ist der Bereiter (?) gleich anschließend wieder wagemutig aufgesprungen und hat dem Pferd gezeigt, wo der Hammer hängt.
Was passiert mit so einem Pferd? Der Werdegang ist doch schon geschrieben: Der Besitzer kommt mit dem schwierigen Pferd nicht zurecht, es wird zum Händler gegeben und der Teufelskreis beginnt. Das war sicherlich nicht der letzte Bereiter, der dem Pferd so zugesetzt hat. Und nur mit ganz viel Glück kommt es in Hände, die wirklich Verständnis haben und mit entsprechend nachsichtigen Methoden das Pferd davon überzeugen können, dass Reiten nun doch nicht ganz so schlimm ist, wie es das bisher kennengelernt hat. Und der Besitzer? Der kauft sich einen neuen vierjährigen Kracher, um das nächste Pferdeschicksal zu besiegeln.

Der Freizeitreiter** geht anders an die Sache heran. Der denkt sich, er ist einer von den Guten, weil sein glückliches Pferd nicht wie die anderen armen Pferde Runde um Runde im Viereck drehen muss. Also werden die Zügel an der Schnalle gefasst und ab geht die Post ins Gelände. Meistens mit einem recht gebundenen Gang, auffällig am Nähmaschinentrab oder an der Unfähigkeit des Pferdes, beidhändig zu Galoppieren. Dem glücklichen Freizeitreiter fällt das aber gar nicht auf, darüber müssen wir uns also keine Gedanken machen. Was ihm allerdings oft auffällt, ist die Problematik beim Bremsen, gerade im Galopp. Da wird das Pferd immer schneller und schneller und der Zügelzug immer kräftiger und kräftiger und wenn der Reiter Glück hat, dann lässt die Kondition des Pferdes früher nach als der Weg lang ist. Als Lösung wird beim nächsten Mal einfach eine Kandare eingeschnallt. Blank. (was man nicht alles sieht…) oder wenn das Pferd Glück hat, ein Pelham. Dass man hier mit ein wenig Durchlässigkeit deutlich mehr erreichen könnte, pferdefreundlicher unterwegs wäre und noch dazu sicherer, kommt den Meisten leider erst gar nicht in den Sinn.

Um das Thema nicht endlos zu strapazieren, ende ich hiermit. Wobei noch lange nicht alle Punkte angesprochen wurden – von unpassender Ausrüstung und unerkannten Lahmheiten bis hin zu nicht-reitenden Pferdebesitzern, die ihre Pferde auf engstem Kreise zirkulieren lassen, oder widersprüchliche Ansagen machen bzgl Körperhaltung etc... wie man sieht, habe ich lediglich an der Oberfläche gekratzt!

Und was ist jetzt die Moral von der Geschichte? Eigentlich nur: Wenn man sich bildet und mit einem gesunden Menschenverstand an das ganze Pferde- und Reitthema ran geht, dann kann es in der Regel gar nicht so schlimm werden. Pferde wollen in erster Linie gefallen, und sobald sie widersetzlich werden, stimmt etwas nicht. Mit dem Zweibeiner. Vielleicht mit einem Zweibeiner aus der Vergangenheit. Dennoch sollte der intelligente Mensch schlau genug sein, dem Pferd entsprechend mit Gefühl, (Sach-)Verstand und Nachsichtigkeit entgegenzutreten.

*rein Bezugnehmend auf die schwarze Schafsliga, selbstredend gibt es – Gott sei Dank – auch noch die echten Profis und Pferdeflüsterer unter den Reitern!

** NATÜRLICH sind alle Reiter Freizeitreiter, die nicht ihr Geld damit verdienen. Aber hier sollen damit die Geländejuckler betitelt werden, die den Reitplatz nur von außen kennen und Gymnastizierung für einen überflüssigen Kropf halten. Wo wären wir nur ohne ein wenig Polemik.

Donnerstag, 7. April 2016

Wirf dein Herz voraus...



Wow. Über ein Jahr Schreibpause. Von sowas lebt ein Blog *hüstel* … aber das „schuldige“ Kind habe ich inzwischen nicht nur gesund ausgetragen, sondern es ist tatsächlich schon 7 Monate alt und hat mir schon wieder einige Zeit auf dem Pferderücken geschenkt. Habe also bereits wieder einige Themen im Hinterkopf, die ich mir mal genauer anschauen möchte.

Nach einer so langen Schreibpause möchte ich mit etwas „philosophischem“ starten. Mit etwas, das mich nicht nur seit meinem ersten Kind beschäftigt, ich möchte fast sagen, behindert, sondern schon seit meinem Sturz oder – ja, vielleicht auch deswegen – seit dem Älterwerden. Und zwar geht es um das Thema Vorsicht. Einer stetigen, wachsenden Vorsicht, begleitet von dem Versuch, ständig vorauszuahnen, was (bzw. ob) das Pferd (etwas) als nächstes machen wird. 

Das ist nicht nur sehr schade, weil es die Reitfreude trübt, sondern vor allem deswegen, weil es die Reitqualität bzw. das -ergebnis deutlich verringert und man ständig Gefahr läuft, mit gezogener Handbremse zu reiten. So bleibt das Pferd konstant unter seinen Möglichkeiten, bloß weil der Reiter zu feige ist, sich vollends dem Pferd hinzugeben. 

Ganz aktuell habe ich eine tolle neue Reitmöglichkeit auf „Dino“*, 9 Jahre: 



Dino ist xx Jahre alt und wurde bei seiner Vorbesitzerin zwar wenig gefördert, dafür aber recht ordentlich ins Gelände geritten. So ist er ausgeglichen und motiviert bei der Sache, dabei aber recht steif und wenig ausbalanciert, gerade im Galopp. Gemeinsam mit der neuen Besitzerin haben wir es uns also zur Aufgabe gemacht, Dino zu etwas mehr Leichtfüßigkeit zu helfen.

Da er ein feiner Kerl ist, klappt das auch sehr gut, gerade am Ende einer Stunde. Und sofort tritt natürlich auch der – eigentlich gewünschte – Effekt ein, dass er behänder wird und flinker mit den Beinen. Doch neben der steigenden Geschmeidigkeit steigt auch das Bewusstsein, wie sehr man seinem Pferd „ausgeliefert“ ist. Das Reiten mit feinen Hilfen setzt nun mal voraus, dass das Pferd gewillt ist, diese auch anzunehmen. Man muss sich auf sein Pferd einlassen und ihm vertrauen, um zu einem soliden Ergebnis zu kommen. Da dürfen keine Schenkel klemmen, kein Zügel zu straff und keine Hand zu fest sein, sonst ist der Erfolg, wenn nicht zunichte gemacht, zumindest auf halbem Wege stecken geblieben. Auch, weil: Wie soll das Pferd dem Reiter Vertrauen, wenn es ihm selbst an selbigem fehlt? 

Es bedarf also einem gewissen Vertrauensvorschuss, wenn der Reiter unter sich ein stolzes Pferd haben möchte, das Freude an seiner Bewegung hat und weiß, seinen Körper einzusetzen. 

Wirf dein Herz voraus…

* V: Limaro M, MV: Donnerschlag

Montag, 23. Februar 2015

Von Fehlern... und anderen Fehlern

Mich überrascht es immer wieder, dass man als Reiter Fehler zu kompensieren versucht, indem man andere Fehler macht und diese dann aber akzeptiert.

Klingt wahrscheinlich ein bisschen diffus? Gleich wird das Bild klarer.

Es gibt nämlich gefühlt eine Millionen Beispiele dafür, in denen sich wahrscheinlich jeder Reiter mehr oder weniger wiederfindet. Dabei muss man auch gar nicht in die hohen Künste der klassischen Dressur einsteigen, es reichte in Blick auf jeden zufällig gewählten Reitsplatz eines jeden semiengagierten Reiters.

Wählen wir doch beispielsweise das Tempo. Läuft das Pferd zu langsam/faul/schlurfend, ist das ein Fehler. In der Regel wurde bereits versucht, das Pferd mit Treiben, Schnalzen oder Gertenunterstützung vorwärtszutreiben - erfolglos. Was macht der Reiter? Schieben! Was das Zeug hält! Das Resultat ist eigentlich ein viel schlimmeres Problem, als das Ursprungsproblem war, macht man doch das Pferd fest im Rücken und nimmt ihm zusätzlich sämtliche Chancen, auf feine Nuancen von Gewichtshilfen zu reagieren. Selbst ist man auch noch frustriert, trotzalledem wird fleißig weitergeschoben und das noch schneller und intensiver! Wieso wird dieser Fehler vom Reiter akzeptiert? Da kommt man doch vom Regen in die Traufe!

Das Gleiche finden wir beim Bremsen. Fällt das Pferd beim Übergang auf die Vorhand, ist das ein Fehler. Der gemeine Reiter hilft sich, indem er sich beim nächsten Übergang möglichst weit nach hinten lehnt und gleichzeitig die Hände noch einen halben Meter rückwärts zieht - ganz nach dem Motto, je mehr Masse hinten ist, desto weniger liegt auf der Vorhand. Leider geht diese Meinung nicht mit dem natürlichen Bewegungsablaufs des Pferdes konform, weshalb auch dieser Schuss nach hinten los geht. Nur mit dem Resultat, dass wir den Rücken und das Maul noch mehr belastet haben und dem Pferd jeglichen Spaß an der Arbeit nehmen. Wieso wird dieser Fehler vom Reiter akzeptiert? Da kommt man doch vom Regen in die Traufe!


Oder beim Schenkelweichen. Oftmals findet man einen nach innen gezogenen Hals, während der Rumpf weiterhin geradeaus auf einem Hufschlag läuft. Wird dem Reiter das bewusst, fängt er an, entweder das innere Bein um ca. einen halben Meter nach hinten zu legen, um die Hinterhand herauszudrücken. Oder er zieht noch weiter am inneren Zügel und vergisst die restliche Hilfengebung darüber hinaus, was z.B. zusätzlich zur Folge hat, dass er in der Hüfte einknickt und das Pferd damit noch vollends verwirrt. Wieso wird dieser Fehler vom Reiter akzeptiert? Da kommt man doch vom Regen in die Traufe!

Die Liste ließe sich endlos weiterführen. Von Händen an den Ohren beim Rückwärtsrichten, gleichzeitiges Bremsen- und Gasgeben oder sicherlich auch beim Springen und Gymnastikhüpfen, wo ich allerdings nicht mitreden kann. 

Eigentlich gibt´s doch eine ganz einfache Lösung für diese Fehler. Man gibt die richtigen Hilfen, das Pferd reagiert nicht -> und bevor wir anfangen, deshalb auf falsche Hilfen zurückzugreifen, fangen wir das Denken an und überlegen, WARUM es nicht reagiert. Und dann reiten wir den Übergang, das Schenkelweichen oder die Trabverstärkung eben 5 Meter später. Oder 10. Dem Pferd ist das egal. Im Gegenteil: Es wird es uns danken!

Hm. Denken. Ganz schön schwer!

Samstag, 17. Januar 2015

Beine zu und ab die Post!

Das Treiben ist so eine Sache. Eigentlich sollte man ja denken, dass es ganz einfach ist: Das Pferd läuft vorwärts, wenn ich die Beine zumache. So lernt es ja ein jeder, und so sieht man es auf den schönen Thelwell-Bildern mit dicken Kugelponies.

Vertieft man sich dann ein wenig in die Thematik des richtigen Treibens, dann wird es schon wieder komplizierter. Schon allein deswegen, weil es natürlich wieder unterschiedliche Theorien gibt! Oh man... und zwar:

1. Theorie: Nur das sich in der Luft/in der Bewegung befindliche Bein kann auf die treibende Hilfe reagieren

2. Theorie: Nur das sich noch am Boden und kurz vor dem Abfußen befindliche Bein kann auf die treibende Hilfe reagieren

Und nun? Wollen wir uns die beiden Theorien doch einmal näher ansehen.

Ersteinmal klingt die erste Theorie, finde ich, ziemlich logisch. Das Hinterbein ist in der Luft, ich treibe, und das Bein schwingt weiter vor.

Wenn wir uns das Ganze jetzt aber mal im Trab ansehen, dann fällt auf, dass bei diesem Bewegungsablauf ein entscheidender Fehler entstünde: Die gesicherte Diagonale, die im taktreinen Trab ja vorhanden sein muss, geht verloren! Ansonsten müsste das diagonale Vorderbein ebenfalls weiter vorgreifen und das würde zu einer deutlichen Lahmheit führen - zumindestens zu einem Bruch des fließenden Bewegungsablaufes! Außerdem - wenn wir mal ehrlich sind - WENN wir gebrochene Diagonalen sehen, dann ist es nie, weil das Hinterbein aufgrund des Treibens weiter vorschwingt, sondern weil es nicht hinterher kommt.






Hier mal ein gutes, positives Beispiel, geklaut von http://www.dressur-design.de/bewegungsablaeufe.html (das Original mit den Zahnrädern ist auch sehr schön anschaulich!), bei dem man eine schöne, gesicherte Diagonale erkennen kann.

Und ein praktisches Kontra, der einfachheithalber ebenfalls aus dem Trab: Es wird im Sitzen getrieben. Trabt man nun, wie es hinlänglich gelehrt wird, auf dem inneren Hinterfuß, dann kann man gar nicht treiben, wenn das Bein in der Luft ist, weil man dann selber steht! Und dass im Sitzen getrieben wird, das lehren schon die alten Meister, und die werden es ja wohl gewusst haben...

Theorie 2: Das noch am Boden befindliche Bein wird getrieben

Die Kritiker dieser Theorie behaupten, dass ein Bein, das am Boden steht, ja gar nicht auf die treibende Hilfe reagieren kann.

Mit oben genannter Erklärung habe ich versucht zu erläutern, dass ein in der Luft befindliches Bein nicht getrieben werden kann. Also muss es ja doch irgendwie anders gehen?!

Und es geht. Und zwar zum Zeitpunkt des Abfußens! Das Pferd hat die Möglichkeit, durch das richtige Treiben das Abfußen des inneren Hinterbeins kräftiger zu gestalten und somit Einfluss auf das Vorgreifen des äußeren Hinterfußes, der dann nämlich weiter Vortritt als Ausgleichsbewegung, zu nehmen!

Ich habe das gestern beim Longieren mal ausprobiert und festgestellt, dass ich falsch schnalze. Nämlich genau dann, wenn das Bein in der Luft ist *hüstel*

Ich habe dann gezielt kurz vor dem Abfußen des inneren Hinterbeins geschnalzt und prompt eine Reaktion in der Hinterhand sehen können - nämlich, wie sie wie eine Sprungfeder auf das Schnalzen reagiert und das Pferd vermehrt vorschiebt. Sehr spannende Sache!

Als ich das Thema vorgestern mit meinem RL diskutierte und die wildesten Theorien ausbreitete (letztens las ich von einer, die beim sitzen innen und beim stehen außen treibt), da entfuhr ihm nur ein "Um Gottes Willen, Alexa, manchmal reicht R E I T E N auch einfach" - womit er sagen wollte, man solle sich auch einfach nur mal auf seine vier Buchstaben setzen und fühlen. Recht hat er!

Eure,
Alexa

Freitag, 19. Dezember 2014

Das wohlgehütete Geheimnis der diagonalen Hilfen - Teil 2

Nachdem wir nun festgestellt haben, dass man in den Richtlinien eine Menge Interpretationsspielraum hat, wenn es um das Thema diagonale Hilfen geht, und die Antwort - zumindest meine Interpretation davon ;) - nur zwischen den Zeilen findet, wollen wir uns mal das Buch eines Mannes anschauen, der Mitautor der Richtlinien Band 1 und 2 und somit maßgeblich an deren Erstellung beteiligt war.

Es handelt sich um Michael Putz und das Buch "Reiten mit Verstand und Gefühl".

Das gut gegliederte Inhaltsverzeichnis entschädigt für das fehlende Stichwortverzeichnis, und ich gelange durch die klare Aufteilung der einzelnen Hilfenbestandteile inkl. des anschließenden Punktes "Zusammenwirken der Hilfen" sehr schnell an mein Ziel.

Das war es dann aber schon leider mit der Klarheit. Ich weiß leider immer noch nicht genau, was er unter den diagonalen Hilfen versteht, obwohl er eine Definition davon in seinem Buch abdruckt:

"Die diagonale Hilfengebung [...] versteht man, dass mit dem jeweils inneren Schenkel in Richtung des äußeren Zügels getrieben werden soll, besonders wenn das Pferd mit Stellung und/oder Biegung gehen soll [...]".

Michael Putz, Reiten mit Verstand und Gefühl, S. 30

Aber was macht der äußere Zügel währenddessen? Das findet man, wie ich das verstehe, auf der Seite davor:

"Die verwahrende Zügelhilfe ist bei jedem Stellen oder Biegen das Gegenüber zum inneren Schenkel und zum annehmenden oder seitwärtsweisenden (Stellung gebenden) inneren Zügel."

Michael Putz, Reiten mit Verstand und Gefühl, S.29

Was bedeutet das also jetzt genau? Meines Erachtens nach doch wohl, dass anscheinend DOCH am inneren Zügel die annehmende Hilfe gegeben wird - also quasi der "zügelbezogene" Teil der Parade.

Und was ist dann dabei diagonal?

Beziehungsweise - anders gefragt, der Autor würde an dieser Stelle wahrscheinlich sagen "Na, das Herantreiben an den äußeren, verwahrenden Zügel" - was wäre dann die gleichseitige Hilfe nach so einer Definition? Die gibt´s ja auch noch! Hm, diese Frage wird wohl unbeantwortet bleiben...

An dieser Stelle möchte ich einen kurzen Exkurs machen. Ich habe mir bei meinen Recherchen auch Udo Bürger zur Hand genommen, leider auch hier keine befriedigende Definition gefunden. Allerdings eine sehr, sehr schöne andere Beschreibung, wie mit dem äußeren Zügel umgegangen werden soll:

"[...] geht die linke Hand (Anm.: äußere) etwa zwei Zentimeter vor, die rechte geht aber nicht aktiv zurück, sondern bewahrt unverändert Anlehnung. [...] dehnt sich der Hals in die vorgehende Hand, biegt in der rechten Ganasche ab und das Pferd wendet auf einen rechten Kreisbogen."

Udo Bürger, Vollendete Reitkunst, S. 187

und dann noch sehr schön ergänzend

"So lernt der Jungreiter mit der nachgebenden Zügelhilfe Wendungen reiten [...]"

Udo Bürger, Vollendete Reitkunst, S. 187

Toll ausgedrückt! Und außerhalb des Reitunterrichts erstmalig so klar gefunden!

Widmen wir uns als vorletztes (bald ist´s geschafft) dem guten alten Müseler. Da finde ich es verwirrend, dass er von gleichseitigen (mit beiden Zügeln gleichzeitig) und einseitigen Zügeleinwirkungen (ZE) spricht. Die gleichseitigen ZE definiert er mit "Nachgeben, Annehmen oder Aushalten mit beiden Zügeln" - u.a. nutzt er sie bei Paraden. Das werden wir uns gleich noch mal genauer anschauen. An dieser Stelle bin ich nur verdutzt, da es ja gemeinhin heißt, gerade bei einfach gebrochene Gebisse kommt der Nussknackereffekt bei gleichzeitigem ZE zu tragen - wieso nutzt er ihn dann geplant?

Nun denn, der einseitige ZE wird benötigt beim Reiten in Stellung, bei jeder Wendung und beim Galoppieren. Für mich eine seltsame Definition, aber wer bin ich, den Müseler in Frage stellen zu wollen ;)

Schauen wir lieber mal auf die Seite 90, da schreibt er nämlich gezielt über die Paraden:

"Anreiten, Antraben und Parieren sollen genau in der Bewegungsrichtung geradeaus vor sich gehen. Beide Schenkel und beide Zügel wirken dementsprechend gleichmäßig. Wirkt nur ein Schenkel oder ein Zügel anders als der andere, würde eine Schiefe entstehen, ein Abweichen von der Geradeausrichtung die Folge sein."

Wilhelm Müseler, Reitlehre, S. 91

Er relativiert das etwa, indem er noch nachsetzt:

"Umgekehrt kann eventuell ein stärkerer Druck des einen oder anderen Zügels oder Schenkels notwendig sein, wenn bei einer Schiefe des Pferdes ein Abweichen von der Geradeausrichtung verhindert werden muss."

Wilhelm Müseler, Reitlehre, S. 91

Leider gar keine echte Hilfe, wenn sich der geneigte Leser über die Parade bzw. die diagonalen Hilfen informieren möchte. Da war ich doch tatsächlich enttäuscht.

Zu guter Letzt wollen wir noch einen Blick in Horst Sterns "So verdient man sich die Sporen" werfen. In dem sehr humorvollen Buch schreibt er in seinem Vorwort, dass sich das Buch an Menschen richtet, die "Anfänger sind und sich wundern, warum sie es so lange bleiben - ihnen wird gesagt, was sie falsch machen". Das schürt die Erwartungen an klare Worte!

Leider bleibt auch hier eine genaue Definition aus. Aber dafür finde ich etwas anderes Schönes, auf das er großen Wert legt:

"[...] Und immer muss danach folgen: das Nachgeben in den Händen wenn die Parade "durchging". Und auch wenn sie nicht durchging: Dann ganz besonders. Es ist wie beim Bremsen im Auto: Man steigt nicht aufs Pedal [...] bis die Bremse blockiert. Man bremst dosiert: rauf ... runter ... rauf. Man kennt seine Bremsstrecke und richtet sich darauf ein. Beim Pferd ist es genau so: Ich weiß, was es kann. Ist es nicht so gut geritten, dass ich ihm das Halten aus dem Galopp mit einer einzigen Parade abfordern kann, dann pariere ich dosiert: annehmen ... nachgeben ... annehmen."

Horst Stern, So verdient man sich die Sporen, S. 131

So, zu Ende ist die literarische Reise. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob sie mich zum Ziel geführt hat ;) Allerdings könnte man es auch irgendwie so sehen: Viele Wege führen nach Rom, und, egal welchen man einschlägt, solange man diesen pferdegerecht lebt, wird das Pferd damit glücklich werden. Und das ist ja das, was wir wollen. Und was das Pferd will!

Eure
Alexa

Montag, 15. Dezember 2014

Das wohlgehütete Geheimnis der diagonalen Hilfen - Teil 1

Angefangen haben meine Überlegungen, als meine Freundin beim Trainerschein war und die Frage, ob sie beim Unterrichten dort "außen nachgeben", oder "innen nie nachgeben" etc. sagen darf, mit einem klaren "Nein" beantwortet wurde.

Was aber ist denn ein Halten der inneren Anlehnung und ein Nachgeben des äußeren Zügels, wenn nicht Bestandteil einer Parade und somit ein nicht unwesentlicher Teil der diagonalen Hilfengebung?

Natürlich bin ich gleich in der nächsten Reitstunde noch mal zu meinem Reitlehrer gedackelt und habe ihn dazu befragt. Anschließend ;) habe ich zufälligerweise zwei Interviews zu dem Thema "Parade" und "Diagonale Hilfen" in den Dressur Studien von ihm entdeckt. Diese fielen mir in die Hand, weil ich in einschlägiger Reitliteratur zu dem Thema gestöbert habe. Und mich schwer wunderte! Ich habe doch tatsächlich keine einzige zufriedenstellende Definition oder Anleitung gefunden! Teilweise fiel der Begriff "diagonale Hilfen" nicht einmal.

Natürlich habe ich jetzt nicht sämtliche Bücher daraufhin von vorn bis hinten durchgelesen, aber ich meine doch, ein Reitbuch gilt als Nachschlagewerk und somit sollte gerade so ein zentrales Thema über das Inhaltsverzeichnis oder das Stichwortverzeichnis zu finden sein. Gemein hatten alle die klassischen Aussagen zur halben und ganzen Parade, Kombination von treibenden und verhaltenen Hilfen, dass die Hand niemals rückwärts einwirken darf, welche Einwirkungsweisen der Hand es gibt, etc.

Fangen wir mal mit der Meinung meines Reitlehrers, und somit der mir gelehrten, an, um uns dann die Aussagen anderer genauer anzusehen:

"[...]  Es beginnt mit dem treibenden Schenkel und Kreuz, zeitgleich ein leichtes Nachgeben der äußeren Hand, dann das Schließen der Hand, sofort gefolgt von einem erneuten Nachgeben der Hand, einem lockern des Zügelgriffes. [...]"

"[...] Der gleichseitige Zügel wirkt auf den gleichseitign Hinterfuß. Da der Hinterfuß den kürzeren, höheren Bogen beschreiben muss, also vermehrt versammelt wird, würde ich bei einer Parade am inneren Zügel die Aktion dieses inneren Hinterfußes erschweren und gegen ihn arbeiten. [...]"

Eberhard Weiß, Dressur Studien 01/11, S. 87

Finde ich sehr logisch erklärt, für den Reiter auch zur Umsetzung nahe gebracht. Nun wollen wir uns mal anschauen, was andere Koryphäen dazu schreiben. 

Selbstverständlich fange ich mit der Reitvorschrift H.Dv. 12 an. Ich habe leider nur die Ausgabe von 1937, aber das soll uns nicht weiter stören.
Unter dem Stichwort "Hilfen, allgemeines" findet man auf Seite 41 lediglich eine Anleitung, wie man die Zügel zu halten habe.
Optimistisch hatte mich erst einmal gestimmt, dass bei den Schlagworten die "Parade" ganze 5 x aufzufinden ist. Verstecken tut sich dahinter allerdings wenig hilfreiches: Eine Definition der halben und ganzen Paraden, an zweiter Stelle kommen wir der Sache vermeintlich näher:

"Bei den halben Paraden nimmt der Reiter die Zügel an, gleichsam als ob er das Pferd zum stehen bringen wollte, setzt jedoch die treibenden Hilfen fort. Häufig genügt schon eine durchhaltende Zügelhilfe bei gleichzeitigem Anziehen des Kreuzes"

Reitvorschrift H.Dv. 12, 18.08.1937, S.63

Die letzten drei Verweise sind zu vernachlässigen.

Ähnlich hilfreich sind die Ausführungen der Richtlinien für Reiten und Fahren aus Band 1, die sich ja die Grundausbildung für Reiter und Pferd auf die Fahnen geschrieben hat. Die Ausführung einer halben Parade wird folgendermaßen beschrieben:

"In Verbindung mit einer belastenden Gewichtshilfe durch vermehrtes Kreuzanspannen und einer treibenden Schenkelhilfe gibt der Reiter eine wohlbemessene, annehmende oder durchhaltende Zügelhilfe, jeweils gefolgt von einem rechtzeitigen Nachgeben."

"Werden bei halben Paraden die Zügelhilfen an einem Zügel gegeben, dann muss der andere Zügel ruhig gehalten werden, damit das Gebiss nicht in riegelnder Art durchs Maul gezogen wird."

"Der oft zu hörende Audruck "halbe Paraden am linken bzw. rechten oder äußeren Zügel" ist irreführend, da man meinen könnte, die halbe Parade erschöpfe sich lediglich in einem Annehmen des betreffenden Zügels."

Richtlinien Band 1, S. 104 ff

 Aha! Hilfreich bei der Umsetzung ists zwar eigentlich auch nicht, aber im mittleren Zitat lesen wir zumindest schon mal heraus, dass der andere Zügel ruhig gehalten wird und eine stete Anlehnung halten soll. Im folgenden Zitat ist dann ausschließlich vom äußeren Zügel und nicht vom inneren Zügel die Rede. Da sich der Autor aber die Mühe gemacht hat, davor von rechts und links zu schreiben, glaube ich nicht, dass er das "innen" einfach vergessen hat oder für überflüssig gehalten hatte. Ich glaube tatsächlich, darin verstecken sich die diagonalen Hilfen! Sehr verzwickt. Jedenfalls: Kombiniert man erstes und letztes Zitat, dann ergibt sich doch tatsächlich ein Nachgeben des äußeren Zügels! Ha!

Puh, ich habe noch fünf Bücher hier liegen. Ich glaube, ich teile das Ganze in zwei Artikel und ziehe hier einen Schlussstrich. Als nächstes kommen Klassiker wie der Müseler oder Waldemar Seunig.

Eure
Alexa